Archiv · Familie

Luzern, 1928, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 3

Meine Grossmutter Fanny belegt in meinem Leben eine grosse Präsenz, bin ich doch in ihrer Obhut fast vollständig aufgewachsen. Sie war es, die eigentlich die ganze Familie zusammen geführt und geleitet hat. Kaufmännisch war mein Grossvater Abry zuständig, für die Richtung der Entwicklung, z.B. meiner Mutter, Oma. Und so ist es auch dazu gekommen, dass Abry seinen Job bei der Luzerner Privat-Bank kündigte und nach Zürich an die Anwandstrasse gezogen ist.

Natürlich war es nicht nur die Liebe, die diesen Entschluss forderte. Oma war mit meiner Mutter schwanger. Ob mein Grossvater dies bereits wusste, als er noch in Luzern lebte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, da das Thema tabu war. Über solches spricht „man“ in einer jüdischen Familie nicht. Dies musste ich auch als Jugendlicher erfahren, als es um Aufklärung ging. Na gut. Ihr kennt das ja. Die Strasse war / ist das grösste Google, oder so …

Wir sind also jetzt einen Schritt weiter gekommen. Stand der Dinge: Opa und Oma wohnen in Zürich, meine Mutter hat sich angekündigt und die wirtschaftliche Zukunft wurde eingeläutet.

Das Foto: Die Örtlichkeit dürfte Luzernern bei näherem Hinschauen bekannt vorkommen. Rechts die Langensandbrücke, Richtung Bundesplatz.

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Fluchtfahrzeug – Die Strassenbahn

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1994 wurde in Zürich die Strassenbahn, auch Züri-Tram genannt, gefeiert. Die Trams wurden in Form von verschiedenen Paraden aus dem Depot geholt und so konnte sich man einer/eine in eine ganz persönliche Vergangenheit versetzen. So natürlich auch ich.

So mit 12 Jahren entdeckte ich die Welt, also ab 1964, 30 Jahre vor dem erwähnten Jubiläum. Meine Welt erstreckte sich in Zürich von der Bergstrasse zum Sonnenberg/Dolder (auch mit dem Dolderbähnchen) oder in die andere Richtung zum Römerhof, bzw. Kreuzplatz oder dann zum Klusplatz, nie aber zur Kirche Fluntern. Von 4 Himmelsrichtungen habe ich mich also lediglich für 3 entschieden. Der wichtigste Ausgangspunkt war der Römerhof und falls ich aus irgend einem Grund „flüchten“ musste, entschied ich mich jeweils für die Nr. 3 zum Pfauen oder die Nr. 15 zum Kreuzplatz und später dann zum Bellevue.
Jetzt kann sich der/die geneigte LeserIn fragen, warum ich diese Richtungen so genau beschreibe. Sie alle haben etwas mit meinem Werdegang zu tun. Da wäre:

01 Römerhof – Kreuzplatz: In der Nähe des Kreuzplatzes wohnte meine erste Freundin, die Angelika, zusammen mit ihrer Mutter und einem älteren Bekannten der Mutter aus Österreich.

02 Römerhof – Pfauen: Da gab es auf der Haltestellen-Insel einen Kiosk und der führte den New Musical Express (heute NME). Wöchentlich, immer mittwochs, holte ich die aktuelle Ausgabe. Da meine Mutter mit mir oft Englisch gesprochen hat, konnte ich hier einerseits das Englisch erweitern, andererseits erfuhr ich das neuste aus der Musik-Welt. Eher zufällig kaufte ich zwischen durch noch den Melody Maker, bzw. den amerikanischen Billboard.

03 Römerhof – Klusplatz, bzw. Römerhof – Dolder. Meinen ersten Job hatte ich in der Römerhof-Apotheke als Medikamentenverträger, auch Ausläufer genannt. Mit dem erwirtschafteten Geld kaufte ich meine ersten Schallplatten (Römerhof – Pfauen – Jecklin).
Später reichten die Einnahmen nicht mehr und ich musste eine Alternative oder einen Zweitjob suchen. Da ich das Quartier bestens kannte, habe ich mich zusätzlich in der Klus-Apotheke als Ausläufer beworben und … genommen. So war ich 3 – 4 mal pro Woche „geschäftlich“ unterwegs. Nebenbei besuchte ich noch die Schule im Schulhaus Ilgen  Damit begannen aber auch meine ersten unternehmerischen Probleme. Ich war zu jung für ein solches Engagement. Und meine Grosseltern schämten sich, da ihr Enkel noch nicht die Nachbarschaft mit dem Fahrrad bedienen kann…
Egal. Ihr Einspruch wirkte und ich war wieder weg von der Marktwirtschaft. Meiner frühen Selbständigkeit wurden die Grenzen aufgezeigt.
Natürlich war meine Liebe zur Musik und den Schallplatten (natürlich alle aus Vinyl) nicht mehr weg zu denken. Die Lösung – ich versuchte mich als Disk Jockey. Erfolgreich, doch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Und zum Schluss! Warum ist dieser Beitrag mit „Fluchtfahrzeug – Die Strassenbahn“ betitelt?
Ganz einfach. Es gab Momente, wo ich einfach vor irgend jemandem flüchten musste. Zur Auswahl steht meine Mutter, meine Grosseltern, die Lehrer, meine MitschülerInnen oder die Verkäuferinnen des Römerhof-Kiosk bei der Dolder-Bahn. Tja, Strassenbahnen war bestens geeignete Fluchtfahrzeuge. Ich musste nur so schnell, bzw. langsam, sein, dass ich gerade noch vor „Türschluss“ im Tram mich befand.

Die 2 Aufnahmen sind im August 1994, als Dia, entstanden. Sie befinden sich in meinem Archiv.