Archiv · Familie

Luzern, 1928, Fortsetzung Privat-Archiv

Mein Grossvater liebte nicht nur modische Bekleidung, auch Automobile wurden von ihm begehrt. Sein erstes konnte er 1928, also mit 24 Jahren, kaufen. Damals legte er wohl ein kleines Vermögen für das Ding hin. Seine Eltern, also meine Urgrosseltern, waren nicht besonders gut betucht. Eher das Gegenteil war der Fall. Ihr Junior Abraham machte schneller berufliche Karriere als Gedacht und konnte seine Geschwister und Eltern unterstützen.

Nach einer kaufmännischen Lehre trat er eine Stelle bei einer Luzerner Privat-Bank an. Dabei konnte er sein Talent für „Zahlen“ einsetzen und wurde bald vom Eigner der Bank entdeckt. Ohne grosse Mühe (wie er mir mal erzählte) macht er sich auf den Weg nach oben.

Allerdings war seine Verlobte Fanny überhaupt nicht von seiner Arbeit begeistert. Er brachte sich vollumfänglich in seine Arbeit ein und sie fühlte sich schnell vernachlässigt. Hinzu kam, dass sie in Zürich wohnte und nicht dauernd „in die Provinz“ fahren wollte. Er hatte vermutlich zu wenig Zeit, den umgekehrten Weg zu gehen.

Ein weiterer Konfliktpunkt waren die Eltern meiner Grossmutter. Ich nannte ihn Opapa. Er war ein streng gläubiger Mensch aus Polen. In seiner Heimat ging er als Rabbiner durchs Leben. In der Schweiz, die er als Flüchtling ca. 1902 erreichte, fühlte er sich heimatlos. Er vermisste seine Gemeinde. Seine Gemahlin Herta, eine Berlinerin, führte bereits in Polen ein kleines Textil-Atelier und Chaim sollte ihr nun in der Schweiz behilflich sein. Sie eröffnete an der Anwandstrasse, Zürich ein Atelier für Herrenbekleidung. Ihr Gatte sollte die genähten Produkte an den Mann bringen. Gar nicht einfach für einen Menschen, der nur polnisch, hebräisch und jiddisch sprach. Auch sein Aussehen war normalerweise für Schweizer nicht gerade vertrauenswürdig.
Ich begegnete ihm immer mit schwarzen Mantel und einem breitkrempigen, mit Pelz besetzten, Hut. Irgend wie unheimlich. Aber ich spürte immer, dass er mich liebte. Unvergessen bleibt das Klischee , dass er mich auf seine Kniee setzte und mir Geschichten aus Polen erzählte. Vom Krieg, vom Tod und glücklichem Leben. Einfach die ganze Palette, verstanden habe ich natürlich nichts als 2, 3 jähriger, aber ihm ins Gesicht zu schauen, seinen zittrigen Bart zu erleben war einzigartig.

Und wo war nun das Problem? Meine Grossmutter hat sich gewünscht, dass ihr Zukünftiger den Luzerner Bank-Job kündigt, mit ihr nach Zürich zieht und dort das Atelier ihrer Eltern übernehmen würde.

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Luzern, 1928 (Privat-Archiv)

Mein Grossvater Abraham (genannt Abry) ist in Luzern aufgewachsen. Immer wenn ich das Quartier „Neustadt“ besuche, kann ich mir vorstellen, dass er plötzlich um die Ecke kommt. Natürlich nicht alleine, sondern in der Begleitung seiner Frau Fanny.

Und wenn ich mein Familien-Archiv im Atelier aus Platznot verschiebe, kommen mir solche Aufnahmen in die Hände. Diese zeigt meinen Opa mit 24 Jahren (geb. 1904) und meine Grossmutter mit 20 Jahren (geb. 1908).

Sie besuchte ihn regelmässig in Luzern, wohnhaft war sie in Zürich 4, an der Anwandstrasse.