Archiv · Familie

Luzern, 1928, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 3

Meine Grossmutter Fanny belegt in meinem Leben eine grosse Präsenz, bin ich doch in ihrer Obhut fast vollständig aufgewachsen. Sie war es, die eigentlich die ganze Familie zusammen geführt und geleitet hat. Kaufmännisch war mein Grossvater Abry zuständig, für die Richtung der Entwicklung, z.B. meiner Mutter, Oma. Und so ist es auch dazu gekommen, dass Abry seinen Job bei der Luzerner Privat-Bank kündigte und nach Zürich an die Anwandstrasse gezogen ist.

Natürlich war es nicht nur die Liebe, die diesen Entschluss forderte. Oma war mit meiner Mutter schwanger. Ob mein Grossvater dies bereits wusste, als er noch in Luzern lebte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, da das Thema tabu war. Über solches spricht „man“ in einer jüdischen Familie nicht. Dies musste ich auch als Jugendlicher erfahren, als es um Aufklärung ging. Na gut. Ihr kennt das ja. Die Strasse war / ist das grösste Google, oder so …

Wir sind also jetzt einen Schritt weiter gekommen. Stand der Dinge: Opa und Oma wohnen in Zürich, meine Mutter hat sich angekündigt und die wirtschaftliche Zukunft wurde eingeläutet.

Das Foto: Die Örtlichkeit dürfte Luzernern bei näherem Hinschauen bekannt vorkommen. Rechts die Langensandbrücke, Richtung Bundesplatz.

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Luzern, 1928, Fortsetzung Privat-Archiv

Mein Grossvater liebte nicht nur modische Bekleidung, auch Automobile wurden von ihm begehrt. Sein erstes konnte er 1928, also mit 24 Jahren, kaufen. Damals legte er wohl ein kleines Vermögen für das Ding hin. Seine Eltern, also meine Urgrosseltern, waren nicht besonders gut betucht. Eher das Gegenteil war der Fall. Ihr Junior Abraham machte schneller berufliche Karriere als Gedacht und konnte seine Geschwister und Eltern unterstützen.

Nach einer kaufmännischen Lehre trat er eine Stelle bei einer Luzerner Privat-Bank an. Dabei konnte er sein Talent für „Zahlen“ einsetzen und wurde bald vom Eigner der Bank entdeckt. Ohne grosse Mühe (wie er mir mal erzählte) macht er sich auf den Weg nach oben.

Allerdings war seine Verlobte Fanny überhaupt nicht von seiner Arbeit begeistert. Er brachte sich vollumfänglich in seine Arbeit ein und sie fühlte sich schnell vernachlässigt. Hinzu kam, dass sie in Zürich wohnte und nicht dauernd „in die Provinz“ fahren wollte. Er hatte vermutlich zu wenig Zeit, den umgekehrten Weg zu gehen.

Ein weiterer Konfliktpunkt waren die Eltern meiner Grossmutter. Ich nannte ihn Opapa. Er war ein streng gläubiger Mensch aus Polen. In seiner Heimat ging er als Rabbiner durchs Leben. In der Schweiz, die er als Flüchtling ca. 1902 erreichte, fühlte er sich heimatlos. Er vermisste seine Gemeinde. Seine Gemahlin Herta, eine Berlinerin, führte bereits in Polen ein kleines Textil-Atelier und Chaim sollte ihr nun in der Schweiz behilflich sein. Sie eröffnete an der Anwandstrasse, Zürich ein Atelier für Herrenbekleidung. Ihr Gatte sollte die genähten Produkte an den Mann bringen. Gar nicht einfach für einen Menschen, der nur polnisch, hebräisch und jiddisch sprach. Auch sein Aussehen war normalerweise für Schweizer nicht gerade vertrauenswürdig.
Ich begegnete ihm immer mit schwarzen Mantel und einem breitkrempigen, mit Pelz besetzten, Hut. Irgend wie unheimlich. Aber ich spürte immer, dass er mich liebte. Unvergessen bleibt das Klischee , dass er mich auf seine Kniee setzte und mir Geschichten aus Polen erzählte. Vom Krieg, vom Tod und glücklichem Leben. Einfach die ganze Palette, verstanden habe ich natürlich nichts als 2, 3 jähriger, aber ihm ins Gesicht zu schauen, seinen zittrigen Bart zu erleben war einzigartig.

Und wo war nun das Problem? Meine Grossmutter hat sich gewünscht, dass ihr Zukünftiger den Luzerner Bank-Job kündigt, mit ihr nach Zürich zieht und dort das Atelier ihrer Eltern übernehmen würde.