Archiv · Familienleben · Jüdisches Leben

1910, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 5

Immer wenn ich über meine Familie gedanklich stolpere, Fotos betrachte, gehen mir die Zeiten durch den Kopf die sie erleben mussten. Manchmal sind es traurige Anlässe, aber es gibt auch witziges. Doch was in der historischen Rückschau sich vordrängt belastet. Dank verschiedenen Büchern, gemischt mit Aussagen die sich mir durch meine Mutter eingebrannt haben, entstehen immer wieder Bilder. Heute wollte ich wissen, was 1935, im Dezember im „Deutschen Reich“ vorgefallen ist.

Hier 2 Erwähnungen:
Der Reichsführer SS Heinrich Himmler ordnete an, dass spezielle Mütterheime geschaffen werden, die wertvolle Schwangere (rassisch und erbbiologisch ist gemeint) aufgenommen und betreut werden.

Die deutsche Regierung entliess die letzten jüdischen Beamten aus dem öffentlichen Dienst.

Das Foto aus meinem Familien-Archiv zeigt die Familie meiner Urgrossmutter (mütterlicherseits). Die Aufnahme entstand in den frühen 1910er Jahren in Polen. Den Ort konnte ich nicht mehr eruieren.Meine Urgrossmutter ist die Dame in der obersten Reihe, die 4. von Links.

Archiv · Familie

1938, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 4

1938. Europa sah düsteren Zeiten entgegen. Viele Juden hatten Angst, hatten Vorahnungen auf was da kommen könnte. Es gab Familien-Konferenzen wo die Frage geklärt werden musste: die Schweiz verlassen, oder bleiben. Falls wegziehen, wohin. Mein Grossvater aus Luzern beschloss, mit der Familie ins Tessin zu fahren, zusammen mit seiner Familie. Dort sollte die Entscheidung fallen.
Mein Grossvater Abry wollte in Zürich bleiben. Er versprach den Seinen, einen Ort in der Schweiz zu finden, der bei einem möglichen Krieg sicher sein könnte. Grund für diese Entscheidung war, dass bei einem möglichen Kriegsbeginn sein Militär-Dienst in Luzern als Hilfs-Dienstler starten würde. Dies bestätigte sich später. Ebenfalls hatte er durch das Textil-Fabrikli an der Anwandstrasse eine Kundschaft aufgebaut. Auch in der Innerschweiz. Die 2 Kinder wohnten während den Kriegsjahren in Sachseln OW. Da gab es einen kleinen Laden mit Strumpfwaren und vielem mehr. Ein Kunde meines Grossvaters.
Meine Grossmutter Fanny wollte „nur noch weg“. Sie wusste natürlich von ihren Eltern, wie es ist, wenn sich der Hass über Juden ergiesst.
Die Eltern meines Grossvaters in Luzern wollten auch bleiben. Sie konnten sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Schweiz von irgend einem Land angegriffen werde.
Zum Bruder meines Grossvaters (rechts auf dem Foto) soll eine besondere Persönlichkeit gewesen sein. Viel weiss ich nicht über ihn. Meine Mutter erzählte mal, dass er in die USA wollte. Seine Liebe galt der Jazz-Musik und die wollte er in New York erlernen und dann davon leben. Kurz nach dem Tessin-Besuch reiste er tatsächlich via Genua nach NY. Gehört soll die Familie nie mehr was von ihm. Angeblich ist er nie in Amerika angekommen, sondern änderte seine Pläne und reiste nach Palästina.

Auf dem Foto sind noch meine Mutter (links) und ihre Schwester Ruth in Position.

Es gab nie mehr eine Aufnahme mit der ganzen Familie. Jedenfalls findet sich keine mehr im Archiv.