Archiv · Familie

1938, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 4

1938. Europa sah düsteren Zeiten entgegen. Viele Juden hatten Angst, hatten Vorahnungen auf was da kommen könnte. Es gab Familien-Konferenzen wo die Frage geklärt werden musste: die Schweiz verlassen, oder bleiben. Falls wegziehen, wohin. Mein Grossvater aus Luzern beschloss, mit der Familie ins Tessin zu fahren, zusammen mit seiner Familie. Dort sollte die Entscheidung fallen.
Mein Grossvater Abry wollte in Zürich bleiben. Er versprach den Seinen, einen Ort in der Schweiz zu finden, der bei einem möglichen Krieg sicher sein könnte. Grund für diese Entscheidung war, dass bei einem möglichen Kriegsbeginn sein Militär-Dienst in Luzern als Hilfs-Dienstler starten würde. Dies bestätigte sich später. Ebenfalls hatte er durch das Textil-Fabrikli an der Anwandstrasse eine Kundschaft aufgebaut. Auch in der Innerschweiz. Die 2 Kinder wohnten während den Kriegsjahren in Sachseln OW. Da gab es einen kleinen Laden mit Strumpfwaren und vielem mehr. Ein Kunde meines Grossvaters.
Meine Grossmutter Fanny wollte „nur noch weg“. Sie wusste natürlich von ihren Eltern, wie es ist, wenn sich der Hass über Juden ergiesst.
Die Eltern meines Grossvaters in Luzern wollten auch bleiben. Sie konnten sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Schweiz von irgend einem Land angegriffen werde.
Zum Bruder meines Grossvaters (rechts auf dem Foto) soll eine besondere Persönlichkeit gewesen sein. Viel weiss ich nicht über ihn. Meine Mutter erzählte mal, dass er in die USA wollte. Seine Liebe galt der Jazz-Musik und die wollte er in New York erlernen und dann davon leben. Kurz nach dem Tessin-Besuch reiste er tatsächlich via Genua nach NY. Gehört soll die Familie nie mehr was von ihm. Angeblich ist er nie in Amerika angekommen, sondern änderte seine Pläne und reiste nach Palästina.

Auf dem Foto sind noch meine Mutter (links) und ihre Schwester Ruth in Position.

Es gab nie mehr eine Aufnahme mit der ganzen Familie. Jedenfalls findet sich keine mehr im Archiv.

Gebrauchsanweiungen

Wo Heilmittel nicht heilen – Gebrauchsanleitungen

Du kennst das. Mit viel Freude packst du deine Neuerwerbung aus. Zumindest unternimmst du den Versuch. Doch kann es oft schon los gehen, mit den Problemen. Die Verpackung ist derart verklebt, dass du eine Säge benutzen musst. Und wenn du dann endlich den grössten Schritt voran gekommen bist, musst du dich durch das Verpackungsmaterial im Karton vor kämpfen. Dabei erlebst du die Tücken der verschiedenen Materialien. Kein HonigSchlecken.

Du kennst das. Das lang ersehnte Produkt steht „hüllenlos“ vor dir und will in Betrieb genommen werden. Will, aber wie. Die Lösung – die Bauanleitung. Bereits die 2 Säckchen mit jeder Menge Schrauben und undefinierbarem Zubehör hat dich schon misstrauisch gemacht. Dir schwant unheilvolles.

Tja. du kennst das. Die Anleitung ist die nächste Herausforderung. Ich möchte sie in deutscher Sprache. Schön und gut. Seite 142 – 198 hilft. Genauer nach den Warnhinweisen und Garantievorschriften gehts los.

Denkste. Zuerst wird empfohlen, eine Inventur zu erstellen. Alles da. Glück gehabt. Ab zur Seite 151. Die Grundlage ist eigentlich ganz einfach, problemlos. Nur fehlt noch das ergänzende Werkzeug. Die üblichen verdächtigen Inbusschlüssel sind da. Der Hammer, die Zange, der Kreuzschraubenzieher usw. muss noch organisiert werden. Schwierig. Du beginnst mit der Improvisation. Nach Angabe sollte der Zusammenbau ohne Hilfskraft innert einer halben Stunde möglich sein. Nach zwei Stunden stehst du stolz vor deinem Werk. Alles klar. Was die verbleiben Schrauben und diese eigenartigen KunststoffTeile bedeuten, wird dir ein ewiges Rätsel bleiben.

Du kennst das. Du gehst die Gebrauchsanweisung durch. Und schon geht es wieder von vorne los. Eine weitere Broschüre liegt bei, in ca. 14 Sprachen. Jetzt hast du genug von der Sucherei und beschliesst „Learning by Doing“. Es funktioniert und du stellst dir jetzt die Frage, warum du nicht schon beim Zusammenbau einen Versuch unternommen hast.

Warum aber schreibe ich diese tiefgreifende Erkenntnis? Weil ich gerade ein ähnliches Erlebnis hinter mich gebracht habe. Anschliessend habe ich mich aber mit den Gebrauchsanweisungen beschäftigt. Dazu habe ich ein Buch aus meinem Regal gesucht / gefunden. Jetzt wird mir klar, das nicht nur ich ein Problem hatte, sondern das auch die Produktion, die Grafik eines solchen Werks sein Tücken beinhaltet. Nur wer denkt schon daran? In erster Linie sind die Produzenten Schreibtischtäter und Sprachverdreher. Die Konsument*innen gehen oft komplett vergessen. Service nach dem Kauf? Fremdwort. Nicht beabsichtigt.
Oder einfach – Der Aufgabe nicht gewachsen. Das gezeigte Buch ist wohl eine Art Heilmittel – es wirkt.