Archiv · Familienleben · Jüdisches Leben

1954, Fortsetzung Privat-Archiv Teil 6

In bin in Zürich aufgewachsen, dass ist hinlänglich bekannt. Von meinem Hund, einem Königspudel, Lumpi habe ich noch nie etwas erhält.

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, bei meinen Grosseltern mütterlicherseits, ohne Vater. Meine Mutter verbrachte nach meiner Geburt einige Jahre aus geschäftlichen Gründen in England, in London. Sie lebte da bei einem Grossonkel und arbeitete in der Textil-Branche.

So hatten meine Grossmutter, bzw. mein Grossvater, so quasi die Erziehungsgewalt. So weit, so gut. Meine Mutter kam 3 bis 4 Mal jährlich nach Zürich, nach hause. Anfänglich hatte das Problem, dass ich nicht wusste, wer eigentlich meine Mami war. Für mich hiess in den ersten Jahre meine Mutter „Mami Oma“, mein Vater „Papi Opa“. Erst so ca. mit 5 Jahren änderte sich das.

1954 beschloss meine Mutter, dass ich nicht alleine aufwachsen soll und brachte mir aus England ein Hund, eben einen Königspudel, mit. Trotz Stammbaum hielt sich niemand an die Namensvorschriften und das neue Familienmitglied wurde Lumpi gerufen. Die Erwartung meiner Mutter trafen ein. Lumpi wurde meine Schwester, zumindest so was in der Art. Lumpi begleitete mich auf Schritt und Tritt, Lumpi spielte mit mir an jedem Ort, drinnen und draussen. Wir waren einfach ein Team.

1957 änderte sich die Situation meines jungen Lebens schlagartig. Meine Grossmutter meinte, sie müsse aus Klein-Roger einen richtigen Jungen machen. Sie schleppte mich zu einem Frisör. SchnippSchnapp und weg waren sie, meine braunblonden, langen Haare. Anschliessend ging es zu einem stadtbekannten jüdischen Fotographen. Er musste Fotos von mir erstellen. Die wurden auf den Weg nach England gebracht, zu meiner Mutter. Gemeint war, dass meine Grossmutter eine gute Tat machte. Der Schuss ging nach hinten los. Meine Mutter erkannte schlagartig, dass sie einen Sohn hat, den sie aber gar nicht kannte, dessen Erziehung sie in andere Hände gelegt hatte.
Erkannt, gehandelt. Sie packte ihre sieben Sachen und reiste unverzüglich nach hause, nach Zürich. Ihre Eltern verstanden die Welt nicht mehr und meine Mutter erklärte ihrem Vater, dass er jemand anders für die geschäftlichen Aktivitäten in England suchen muss. Sie werde jedenfalls nicht mehr zurück fahren.
Gesagt, getan. Mami übernahm die Stelle der rechten Hand an der Seite ihres Vaters. Ich bekam von einem Tag eine Mutter und „Mami Oma“ war Geschichte.

Für ein paar Jahre war dann Ruhe im Körbchen. Bald wurde ich zum KindergartenKind im Ilgen Schulhaus am Römerhof. (Link zum Schulhaus. Der Kindergarten ist nicht auf dem Foto ersichtlich. Er befindet/befand sich ganz links, neben dem Schulhaus Ilgen A – https://www.stadt-zuerich.ch/schulen/de/ilgen.html ).

Lumpi wurde 16 Jahre alt und starb an einer Darmverschlingung 1969. Ich habe ihn nie vergessen.

PS: Ein Jahr nach seinem Tod begannt ich plötzlich wie ein „Schlosshund“ zu weinen, beim Nachtessen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und Meine Grosseltern, sowie meine Mutter machten sich grosse Sorgen. Warum weint Roger? Als ich mich nach etwa 2 Stunden wieder etwas gefangen habe, konnte ich meiner Mutter auf Ihre Frage nach dem Warum antworten:
Lumpi ist gestorben. Es ist so traurig.

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